Gedankenfetzen aus dem Carebereich

Susanne

Die Corona Krise ist vor allem eins: Eine grosse Verunsicherung, ein Pendeln zwischen Angstmache und Arbeitszwang, zwischen Überlastung und Kurzarbeit und es stellt sich die Frage, was am Schluss bleibt. Weitere 12-Stundenschichten weil man gemerkt hat dass es geht. Mehr Freiwillige mit gutem Willen und ohne Ausbildung, weil das auch reicht. Viel mehr Arbeit zuhause für alle (Schule zuhause, Büro zuhause). Viele „Minusstunden“, die nachgearbeitet werden müssen und ganz viel Disziplin für autoritäre Massnahmen, weil  die Situation ernst ist und die nächste Pandemie mit Sicherheit kommen wird!

Die Diskussionen die ich in den letzten Wochen mit Pflegenden aus verschiedenen Bereichen geführt habe zeigen diese Widersprüche. Mein Anliegen ist nicht, diese Widersprüche zu beheben sondern dass wir alle darüber nachdenken was mit uns gemacht wird. Mit uns meine ich hier, uns als Pflegende, als mögliche PatientInnen, als Angehörige, Freundinnen von Menschen in Spitälern und Heimen.

Eine der grössten Verunsicherung war von Anfang an die Frage des Schutzmaterials. Wer soll sich wann wie schützen und vor allem, wo gibt es dieses Material überhaupt?
Das Virus wurde als aggressiv und hoch ansteckend eingestuft. Ob richtig oder nicht, spielt gar keine Rolle. Was bei dieser Einschätzung zentral ist, dass sofort das gesamte Gesundheitspersonal mit dem bestmöglichen Material hätte geschützt werden sollen, nach dem Motto, lieber zuviel Schutz als zuwenig, weil die Gesundheit des Personals es wert ist. Und damit meine ich z.b. dass wenn es nicht genügend Masken gäbe, das Militär ihre(Gas-)Masken hätten hergeben müssen.  Das hätte ein seltsames Bild abgegeben, aber so ist das eben mit dem absoluten Schutz.

Es gibt keine Transparenz über die allgemeine Situation in allen Spitälern sowie über die Ansteckungen von Spitalpersonal. Wieviele wurden infiziert, in welchen Situationen kann das geschehen sein? Die Berichte von angesteckten Pflegenden beunruhigen alle, machen unsicher und führt dazu, dass unter noch grösserem psychischem Druck gearbeitet wird. Klar, wir Pflegende sind enorm belastbar (wird ja in jeder Stellenausschreibung als selbstverständlich erwartet), trotzdem kennen sicher alle den Unterschied, ob du entspannt eine Infusion legen kannst oder ob du das unter Druck machst.

Ein weiteres Thema ist: Sind die Spitäler überlastet oder nicht? Von krass viel bis wenig zu tun höre ich alles. Wieso ist das so unterschiedlich? Wieso spricht das Universitätsspital davon Turnhallen zu öffnen, während gleichzeitig das Hirslanden Kurzarbeit anmeldet?
Beispiel: Zürich hat über 435000 EinwohnerInnen und mehr als 10 Spitäler, die alle Intensivstationen haben. (Die Kliniken ohne Intensivstationen nicht gerechnet). Im Moment sind  135 CoronapatientInnen in Spitalpflege, 50 davon werden beatmet. Das ist viel, wenn alle auf nur wenige Spitäler verteilt werden. Wieso wird das aber gemacht? Wieso wird überhaupt immer nur von Betten geredet und nicht darüber, dass der Mensch der in so einem Bett liegt auch betreut und gepflegt werden muss? Wieso wird nicht danach verteilt, wieviel Kapazität die IPS Pflegenden haben. Und warum wird zum Beispiel auch das Waidspital, als Stadtspital mit gutem Personal, Infrastruktur und Intensivstation als Covid C Spital eingestuft, d.h. dass hier keine akut Erkrankten aufgenommen werden.
Ist das bereits ein Versuch, die Spitallandschaft noch weiter zu reduzieren?

Was mich aber mehr als alles andere beunruhigt ist der Umgang mit dem Pflegepersonal. Schon bevor Notstand herrschte, wurden das Arbeitsgesetz ausser Kraft gesetzt, d.h. Pflegende können bis zum Umfallen zur Arbeit verpflichtet werden. Konsequenz davon war, dass an einigen Orten bereits auf ein 2 Schicht Betrieb umgestellt wurde. Das heisst, bevor es notwendig war, wurden in einigen Spitälern die Schichten auf über 12 Stunden verlängert. Falls das Argument wirklich ist, es sei so einfacher zu planen, dann  hiesse dies auch, der Einfachheit halber das Personal weiter unter Druck zu setzen und ihre Arbeitsbedingungen zu verschärfen, damit es  die Planenden einfacher haben. Was dabei allen klar sein muss ist, dass die Konzentration nach einigen Stunden nachlässt. Sicher  haben wir da unterschiedliche Kraftreserven aber wir wissen alle, dass wir am Anfang einer Schicht besser arbeiten als am Schluss und dann noch mit Überzeit!
Auch Arztzeugnisse sollen nicht mehr gelten ausser wenn ein Pflegender/eine Pflegende Fieber hat. Sont müssen alle zur Arbeit, egal wie du dich fühlst oder wie dein Umfeld auf die Situation reagiert. Vielleicht brauchen Menschen in deinem Umfeld auch Unterstützung. Die sollst du jetzt aber nicht bieten, weil du für die Öffentlichkeit da sein musst. Dafür wird in Zürich eine psychologische Beratung für Pflegende angeboten. Das ist nett gemeint, bedeutet aber  eine Pathologisierung von Einzelnen. Nicht die stressigen Arbeitsbedingungen sollen der Grund sein für „deine Probleme“ sondern die eigenen individuellen Befindlichkeiten.

Es ist viel was ich mich frage in dieser Zeit. Dass das freundliche Klatschen für das Pflegepersonal nicht reicht, ist inzwischen vielen bewusst. Was heisst das aber für die zukünftige Planung. Ist jetzt in allen Spitälern und Heimen klar, dass die Anzahl des benötigten Personals so berechnet wird, dass von Zeiten ausgegangen wird in denen viel zu tun ist und nicht vom Minimum. Und ist es den PolitikerInnen klar, dass es bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung für das gesamte Personal im Carebereich braucht?

Es ist mir bewusst, dass uns auch weiterhin nichts geschenkt wird und wir ohne kraftvolle Organisierung keine Verbesserungen erreichen werden. Weil aber Utopien fürs Denken wichtig sind, warte ich immer noch auf die bundesrätliche Erklärung, dass es falsch war im Carebereich zu sparen und die Privatisierung von Spitälern, Kliniken und Heimen rückgängig gemacht wird.

Dies einige meiner Gedanken mit der Aufforderung sie weiterzuführen und mit anderen zu diskutieren.
Bleiben wir widerständig!